Interview mit unserer Beirätin

Der Titel „Chief Responsibility Officer“ (CRO) klingt vielversprechend. Gleichwohl gibt es bislang nur wenige CRO in der Wirtschaft. Vor diesem Hintergrund hat das CDR-Magazin Prof. Dr. Cordula Meckenstock gefragt, welche Aufgaben die Rolle umfasst und welche Praxiserfahrungen bestehen. Die internationale  Juristin arbeitet beim weltweit tätigen  Pharmakonzern Grünenthal Group als CRO und verantwortet dort mit ihrem Team entlang der drei P.

Dieser Artikel erschien im Original auf corporate-digital-responsibility.de

Sucht man auf Google oder LinkedIn nach der Rolle des „Chief
Responsibility Officer (CRO)”, findet man aktuell nur wenige Texte, die
sich mit der Frage „What’s a Chief Responsibility Officer?“ befassen. Umso interessanter, dass man die Rolle des CRO bereits in mehreren international führenden Unternehmen findet:

  • So arbeitet Diana Tidd seit 2018 als CRO bei MCSI, einem global agierenden Finanzunternehmen.  
  • Beim IT-Riesen Accenture füllte Peter Lacy die Rolle des CRO seit 2020 aus.
  • Auch das milliardenschwere amerikanische Real Estate-Unternehmen CBRE hat seit 2021 mit Tim Desmond einen CRO bestellt.

 

Als ich dann global noch die Verantwortung für ESG/Corporate Responsibility/Sustainability übernahm, folgerte unsere Personalchefin, dass der Titel meiner bisherigen Position diese verschiedenen Tätigkeiten nicht mehr richtig umfassen würde.Ich möge doch daher überlegen, ob es nicht einen passenderen Titel gäbe.

Prof. Dr. Cordula Meckenstock

Wie ist die Rolle des CRO bei Grünenthal entstanden?


„Die Rolle des CRO wurde bei Grünenthal im Jahr 2021 eingeführt. Anlass war die Tatsache, dass zu meiner vorherigen, mehrjährigen Aufgabe als „Global Compliance Officer“‘ nach und nach weitere Themen, insbesondere Data Privacy und Internal Audit, hinzukamen. Als ich dann global noch die Verantwortung für ESG/Corporate Responsibility/Sustainability übernahm, folgerte  unsere Personalchefin, dass der Titel meiner bisherigen Position diese verschiedenen Tätigkeiten nicht mehr richtig umfassen würde. Ich möge doch daher überlegen, ob es nicht einen passenderen Titel gäbe.

Nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen hatte, fiel mir auf, dass es in allen meinen Bereichen um Aufgaben eines verantwortungsvoll handelnden Unternehmens geht – und zwar nach innen ebenso wie nach außen: Wie stellen wir Produkte her? Wie vermarkten wir diese? Wie treten wir mit Patienten in Kontakt? Wie interagieren wir mit Ärzten usw.?

Den Titel des „Chief Sustainable Officer“ (CSO) gab es zu diesem Zeitpunkt zwar schon recht häufig, doch umfasst diese Rolle meiner Meinung nach nicht alle der zuvor skizzierten Aufgaben. Sustainability betrifft meiner Meinung nach vor allem den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Das spielt bei unseren fünf Produktionsstätten natürlich auch eine wichtige Rolle – allerdings ist es eben nur ein Teilbereich unserer Unternehmensverantwortung. In der neuen Rolle ging es um Corporate Responsibility ‚as a whole‘. Bei Recherchen im Internet stieß ich darauf, dass einige namhafte amerikanische Unternehmen bereits Titel und Rolle eines ‚Chief Responsibility Officer‘ verwenden. Die Idee hatten offenbar schon andere. Nachdem wir das Thema intern besprochen hatten, war der Titel nach nicht ganz 24 Stunden von den entscheidenden Personen abgesegnet. Wir sind durchaus agil und entscheidungsfreudig.“

 

Welche fachlichen Schwerpunkte der Rolle des CRO gibt es im Pharma- und Gesundheitsbereich?


„Die Hauptunterthemen drehen sich bei uns um Business Ethics. Das Thema ist im Pharmabereich sehr stark durch Commercial Compliance geprägt. Also: Was machen die Tochtergesellschaften bei der Vermarktung in den einzelnen Märkten? Wozu werden Gelder an den Gesundheitssektor gezahlt, z.B. für Konferenzteilnahmen, wissenschaftliche Beratung durch hochspezialisierte Ärzte, für Zusammenarbeit mit Patientengruppen und Fachverbänden usw.?

Weiter vorne in der Wertschöpfungskette sind es die Bereiche Forschung und „Responsible Innovation“ mit den Stichworten Tierversuche, neue Technologien, menschliche Gewebeproben, Umgang mit Patientendaten, Einsatz von Machine Learning und künstlicher Intelligenz. Es geht darum, welcher Forschungsansätze man sich bedienen möchte und welcher nicht, weil es zum eigenen Verständnis von verantwortungsvollem Unternehmenshandeln möglicherweise nicht passt.

Dann gibt es den Kern-Sustainability-Bereich, das sind unsere Produktionsstätten: Dort geht es ganz klassisch um den Einsatz von Wasser, um die Produktion von Abfall, zum Teil auch gefährlichen Abfall, um verantwortungsvollen Einsatz  von Arbeitskräften sowie um CO2-Ausstoss und Energieverbrauch. Hier muss ich mich fragen: Wie geht man möglichst schonend mit den Ressourcen um, während man in den Kerngeschäftsbereichen nicht nur prüfen sollte „wie minimiere ich den negativen Fußabdruck“, sondern „wie maximiere ich den positiven“? Deswegen fand und finde ich Nachhaltigkeit zu schwach für den übergreifenden Begriff der Unternehmensverantwortung.

Es geht dementsprechend in meiner Rolle nicht nur um Minimierung von negativen, sondern vor allem um Erzielung von positivem Impact auf die Gesellschaft und die Umwelt. Diesbezügliche Bereiche sind bei Pharma die Forschung, Entwicklung und Vermarktung, aber auch die Fort- und Weiterbildung von Mitarbeitern, Ärzten und Patienten. Dies sind unsere ‚Impact-Initiativen‘-Bereiche: Wir bilden Ärzte weiter. Wir informieren Patienten und ihre Angehörigen. Wir haben verschiedene Stiftungen mit Aktivitäten im wissenschaftlichen und Palliativbereich.  Unser Kernwissen liegt im Bereich Schmerztherapie – hier wollen wir nicht nur „verkaufen“, sondern einen rundum vernünftigen Fußabdruck hinterlassen.“

 

Welche Rolle spielen digitale Themen?


„Ich halte die Automobilindustrie für einen Vorreiter im Bereich Corporate Digital Responsibility („CDR“). Wir standen und stehen  im Austausch mit den Kollegen von Daimler, die hier schon viel geleistet haben.

Wir sind jetzt seit guten zwei Jahren dabei, CDR “Grünenthal-gerecht“ aufzubereiten. Hier haben wir uns ganz stark daran orientiert, wie das bei Daimler funktioniert: Die haben einen ganz pragmatischen Ansatz gewählt und zunächst Use Cases geprüft: Wo besitzt CDR Relevanz?

Als Einschub: Ich bin generell ein Freund davon, dass man stets und immer zunächst einmal prüft, wo ein Thema im eigenen Unternehmen überhaupt  Relevanz besitzt! Dann gilt es, einen maßgeschneiderten Rahmen zu entwickeln.

Bei Pharmaunternehmen nicht sehr überraschend ist von hoher Relevanz der Bereich „Digital Outreach“ zu Patienten und Ärzten.

Prof. Dr. Cordula Meckenstock

Wie ist die Resonanz im Hinblick auf die Rolle des CRO in und außerhalb von Grünenthal?

 

„Insgesamt bekomme ich erfreulich viel positives Feedback. Wir sind einerseits zu 100% ein Familienunternehmen, aber auch durch Bonds am Kapitalmarkt aktiv. Gerade am Kapitalmarkt ist derzeit eine große Resonanz zu beobachten: aus Investorensicht ist wichtig, dass in den Bereichen ESG („Environmental, Social and Governance“) ein starkes, nicht-finanzielles Risikomanagement etabliert ist und zum Beispiel unter dem Stichwort „Ethical Marketing“ starke  Schmerzmittel und Opioide nach klaren und verantwortungsvollen Richtlinien beworben und vertrieben werden.

Insofern ist uns allen bei Grünenthal klar, dass wir im Sinne der Business Ethics handeln wollen. Für mich ist dabei vor allem eines wichtig: Wie machen wir das konkret? Wir dürfen uns nicht  in blumigen Prinzipien verlieren. Vielmehr müssen wir klarstellen: Was bedeutet das Thema für unsere Aktivitäten entlang der gesamten Wertschöpfungskette? Hierbei liegt die Schwierigkeit darin, Richtlinien zu erstellen, die jeder versteht bzw. dass man alle involvierten Kollegen so schult, dass sie sich auch selbst weiterhelfen können.“

 

Welche Vorteile ermöglicht die juristische Ausbildung für die CRO-Rolle?

 

„Ich halte die juristische Ausbildung für äußerst hilfreich. Ich stelle sehr gerne Juristen ein, denn:  wenn man keine „Legal Compliance“ hat, muss man mit „Ethical Compliance“ gar nicht erst anfangen. Das ist wie mit Datenethik und Datenschutz: Wenn man einen soliden Datenschutz nicht in der Tasche hat, braucht man sich meiner Meinung nach auch nicht intensiv mit Datenethik zu befassen. Vieles, was heute noch Kodizes oder andere Arten von Softlaw sind, wird dann, wenn es sich bewährt hat, nach und nach formelles Recht.

Viele ethische Fragestellungen sind Gerüste und Prinzipien, die man sich gibt, um verantwortungsvoll zu handeln. Und ich finde, dass Juristen sehr gut dafür ausgebildet sind, zu abstrahieren und zu fragen: Was sind die wiederkehrenden Themen, und wie fange ich sie ein? Ich muss daher fragen: Was sind die Sachverhalte, die mir zugetragen wurden und wie clustere ich sie? So etwas können Juristen aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Denkweise meiner Meinung nach gut. Sprich: Strukturelle Analyse und Ableitung von Prinzipien und konkreten Handlungsempfehlungen.

Bei „Corporate Responsibility“ gilt es herauszufinden: Was ist das regulative Minimum und was geben wir uns als Ordnungsrahmen, wo es noch keine Regulierung gibt? In einem sich derart schnell entwickelnden Bereich wie der Digitalisierung zum Beispiel sind die Gesetzgeber eher langsam, daher müssen Unternehmensjuristen und Verbände ran.“

 

 

Wie war das Vorgehensmodell zur Operationalisierung der CRO-Rolle bei Grünenthal?

 

„Als ich vor vier Jahren bei  Grünenthal begonnen habe, gab es die einzelnen Abteilungen, die heute in meinem Bereich zusammengefasst wurden, in anderer Form bereits. Ich habe allerdings eine neue, proaktive und integrierte Aufstellung vorangetrieben.

Ich halte wenig vom Ansatz, erst einmal Berater ins Unternehmen zu holen, vielmehr fand ich es wichtig, mir erst einmal selbst Gedanken zum Thema zu machen. Ich nenne das „selbstbewusstes Selbernachdenken“. Darauf aufbauend ist es natürlich wichtig, dort konkret Hilfe hinzuzuziehen, wo es erforderlich ist. Ein Beispiel dafür war die bereits erwähnte Zusammenarbeit mit Daimler im Bereich von Corporate Digital Responsibility. Die Kollegen von Daimler waren sehr hilfsbereit und dienten uns als wichtige Sparringspartner. Sie sind sogar einmal als ganzes Team zu uns gekommen, um ihren Ansatz zu präsentieren.

Bei uns intern habe ich zügig den Entwurf einer Digital Ethics Charta erarbeitet und anschließend mit den relevanten Gremien abgestimmt, um ein Kerndokument mit Kernprinzipien zu haben.  Unser Kern-Gremium ist das Digital Ethics Steering Committee, welches eingebettet ist in das DigiCom, das Forum, in dem wir alle strategischen Digitalprojekte weltweit beraten.

Wir haben aus dem Unternehmen heraus Use Cases an uns herantragen lassen, diese gebündelt und jeweils aus Freiwilligen bestehende Arbeitsgruppen mit der Erarbeitung von Richtlinien für die Use Cases mandatiert.  Aus diesen Erfahrungen heraus haben wir nun einen Standardprozess entwickelt, wie wir neue Use Cases aufgreifen und Handlungsleitlinien intern erarbeiten. Außerdem arbeiten wir ständig an Kommunikation und Trainings wie zu Digital Literacy.

 

Wie sollte man vorgehen, wenn man die CRO-Rolle in einem Unternehmen einführen möchte?

„Das ist eine ganz spannende, aber auch schwierige Frage. Ich würde immer prüfen: Wo hat es in der Vergangenheit Beratungsbedarf gegeben? Wo fühlen sich Mitarbeiter unsicher? Wo hatten wir schon einmal Vorfälle z.B. mit Behörden?

Also anders formuliert: Was ist wo los, und wo sehe ich, dass es Fragezeichen gibt?

Das Thema Compliance & Ethics hat viele Facetten, seien es Geschenke, Einladungen, Umgang mit Amtsträgern, Ausschreibungen, Kartellrecht oder Sanktionen aus dem Wirtschaftsrecht  In allen Bereichen existiert jeweils eine  Mischung aus rechtlichen, ethischen und eben „Verantwortungs“-Themen.

Wenn man merkt, dass es einen größeren Themenmix mit wiederkehrenden Fragen gibt, macht es auf jeden Fall Sinn über die Rolle eines CRO nachzudenken. Man hat auch einen ganz anderen Zugriff bzw. eine positiv nachhaltige Wirkung und interne Vertrauensposition durch die Schaffung einer CRO-Stelle, als wenn man nur ein Beraterteam hat, denen es im Zweifel eher egal ist, wie es weitergeht. „

Rückwirkend würde ich nach wie vor aufs Tempo drücken uns sagen: „Just do it!“

Prof. Dr. Cordula Meckenstock


ist Chief
Responsibility Officer der Grünenthal Pharma Group. Dort verantwortet
sie global die Bereiche Compliance, Ethics, ESG, Corporate
Responsibility, Data Privacy and Internal Audit. Davor war sie in leitenden Positionen in diversen Branchen und Kontexten in den oben
genannten Bereichen tätig, mit Fokus auf den Aufbau globaler
internationaler Compliance Management Systeme und Teams. Ihre berufliche Karriere startete sie als
Anwältin bei Gibson Dunn in den Bereichen Antitrust, Anti Corruption
und Compliance Management.

An der Universität Leipzig ist sie
Honorarprofessorin für Internationales Strafrecht und Compliance sowie
Mitherausgeberin der Zeitschrift „ESG – Zeitschrift für nachhaltige
Unternehmensführung“ im Beck Verlag.
Zudem ist sie Beirätin für Corporate Responsibility beim Münchner Health-Tech Unternehmen Oncare GmbH.

 

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